Multiperspektivisch wertge…verschätzt

Das Jahr 2000, jenes der Dot.Com Krise, stand ganz im Zeichen des vermeintlichen Triumphs der Old über die New Economy und dem scheinbaren Untergangs des Internets. In diesem Jahr – inspiriert durch die enormen Kündigungswellen, die diese Krise mit sich brachte – erachtete der CEO eines bayrischen Unternehmens, nennen wir ihn Kuno, es als angebracht, in seiner Weihnachtsansprache einige „aufheiternde“ Worte an die Belegschaft zu richten.

„Angesichts dessen, dass das Internet nun, wie schon erwartet, untergeht und die New Economy ihre Mitarbeiter in Massen entlassen hat, können Sie, liebe hier anwesende Damen und Herren, sich glücklich schätzen, auch weiterhin für ein Old Economy Unternehmen wie das unsere arbeiten zu dürfen. Eigentlich“, sinnierte Kuno, „müssten Sie ja dafür dem Unternehmen Lohn bezahlen und nicht das Unternehmen Ihnen.“

Kuno katapultierte mit dieser Aussage nicht nur die Atmosphäre der Weihnachtsfeier Richtung sibirischen Winter, sondern auch alles, was die versammelte Belegschaft bis dato geleistet hatte. Jeder im Raum hatte sich, dem stattfindenden Dot.com-Armageddon zum Trotz, abgemüht, um einen Kontrapunkt gegen den aberwitzigen Wirtschaftseinbruch zu setzen und dem Unternehmen trotz allem einen Umsatzrekord beschert. Und nun sollten sich die Mitarbeiter dafür auch noch bedanken?

Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne zahle.

Robert Bosch

Kuno – eine Defintion: Typus eines autokratisch denkenden und agierenden Patriarchen in Führungsposition, dessen Interessen auf den Erhalt ihm dienender Strukturen sowie der eigenen (Macht-) Position ausgerichtet sind.

Die Aussage Kunos ist beispielhaft für dieses spezielle Weltbild, das all jenen zu eigen ist, die sich als Zentrum des Universums ihres Unternehmens inszenieren und die ihre Position vorrangig durch Machtdemonstrationen bestärken – also top-down gegen ihre eigenen MitarbeiterInnen agieren.

Eine kürzlich veröffentlichte Infografik von Vitalpin rief mir genau dieses Erlebnis und meine damit verknüpften Gedankengänge wieder in Erinnerung – weil sich so manches zwischen diesen beiden ähnelt. Gemäß der Infografik ist der Tourismus nicht nur der „Motor des alpinen Wirtschaftssystems“, sondern bekräftigt den Tourismus auch als leitbestimmende Wirtschaftsbranche in den Alpen. „Geht’s dem Tourismus gut, geht’s der Wirtschaft gut“, liest man weiters. Aber stimmt das wirklich so? Sind diese Aussagen tatsächlich allgemein gültig oder vielmehr dem individuellen Standpunkt eines Kunos geschuldet?

Es ist erst wenige Monate her, da beklagte die Tourismusbranche einen massiven Fachkräftemangel. Die heimische Bevölkerung hingegen war ob der Verkehrsfluten der ins und durchs Land strömenden Touristen zermürbt. Umweltschützer (und nicht nur solche) wehrten sich gegen eine bevorstehende Gletscherehe. Overtourism wurde auch hierzulande immer häufiger zum Problem. Das sind nur einige Themen, die aufzeigen: Geht’s dem Tourismus gut, geht’s demnach längst nicht allen und jedem gut.

Wo und was wäre der Tourismus ohne Automobilbranche, ohne Bauwirtschaft, ohne Kreativwirtschaft, ohne Maschinenbau, ohne IT-Branche, usw.? Vom Standpunkt eines IT-lers her kann ich nur feststellen: Ohne funktionierende Informationstechnik gäbe es heute weder Telefon noch Internet. IT ist überall drin. Ohne Mikrochips startet auch kein Auto mehr. Ohne Maschinenbau gäbs keine Autos und keine Bagger. Ohne Bagger wird’s ziemlich schwierig, ein Gebäude zu bauen. Und ohne Gebäude, sagen wir mal Hotels, gäbs wohl nicht so viele Spa-Oasen und Rooftop-Pools.

Die Kunos des Tourismus pflegen die Vorstellung eines tourismuszentrischen Weltbilds. Ein Weltbild, das sich immer und immer wieder aus der sich selbst verliehenen Vormachtstellung heraus speist, welches eigentlich in einer Wissensgesellschaft wie der unsrigen längst überholt sein sollte. In dieser Infografik reiht der Tourismus alle anderen anderen Branchen hintan, indem, wenn der Tourismus einbricht, zigtausende Arbeitsplätze davon betroffen sind. Die Kunos des Tourismus übersehen offenbar, dass längst gesellschaftlich-soziale Entwicklungen, (coronabedingte) Veränderungen und auch der Klimawandel die Taktgeber sind – ein funktionierender und nachhaltiger Tourismus benötigt Wissen aus allen Branchen und nicht nur das eigene. Der Gast zahlt die Löhne, nicht der Tourismus. Bliebe der Gast aus, gäbe es leider keinen Tourismus mehr. Aber immer noch eine Baubranche, einen Maschinenbau, die Landwirtschaft, Software Entwicklung etc.

Es gibt glücklicherweise auch positive Beispiele, wo solcherart Kunos bereits mit allem gebotenen Respekt in die verdiente Rente verabschiedet wurden und eine neue, gut gebildete Generation von Führungskräften übernommen hat.

Für die Zukunft wünsche ich dem alpinen Tourismus mehr Bewusstsein darüber, dass nicht einer über dem anderen steht, sondern dass ALLE Branchen Netzwerke auf einer Ebene bilden. Genau das ist die wesentliche Prämisse dafür, dass sich alle auf Augenhöhe begegnen. Und dass sich die Tourismusbranche nachhaltig und erfolgreich – auf die Gesamtheit bezogen und nicht auf einige wenige – weiterentwickeln kann. Hin in eine Zukunft, deren Rahmenbedingungen wir heute festlegen. Und die wir gemeinsam und miteinander gestalten sollten und müssen, denn nicht ein Blickwinkel ist der richtige: Ein fundiertes Gesamtbild – und nur ein solches kann die Basis sein, damit es eben allen gut geht – ergibt sich ausschließlich aus einer multiperspektivischen und daraus resultierenden realistischen Sicht.

Meine 3 Tipps für die Kunos des Tourismus:

  1. Es ist nie zu spät, Wertschätzung zu zeigen
    Gerade auch für Dinge, die man selbst womöglich nicht versteht: Die Zeit der patriarchalen Führung ist vorbei, die digitale Transformation hat in den letzten drei Jahrzehnten mit vielen alten Traditionen gebrochen. Das Wissen und das Engagement von Mitarbeitern, Lieferanten und anderer Branchen sind integraler Bestandteil des eigenen Erfolgs. Dienende Führung wertschätzt diese Umstände und stellt sich selbst nicht über diese.
  2. Offenheit ist eine Haltung, die man sich aneignen kann
    Wer nie über die eigenen Grenzen hinaus blickt, wird im Mantel seiner Zweifel, Sorgen, Ängste und seines Starrsinns gefangen bleiben. Inspiration kann nur von außen kommen. Mit Offenheit einher geht Weitblick. Und der ist die Basis für jede gute Entscheidung im Heute.
  3. Gewaltfreie Kommunikation will gelernt sein
    Sätze wie „Sie sollten für Ihren Job dankbar sein“ oder „wer zahlt schafft an“ oder „nit gschumpfen ist gelobt genug“ sind nicht nur Ausdruck der Geringschätzung, sondern solche Aussagen wiegen wie ein Schwerthieb. Wir leben allerdings nicht mehr im Mittelalter und lustig sind solche Sätze für Betroffene allemal nicht.

Text: Christian Fohrmann – Alpinmarketing / Sonja Niederbrunner – Storylines
Foto: eberhard grossgasteiger von Pexels

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