Wie ein Standpunkt zum Endpunkt werden kann.

Meine Jugendjahre spielten sich in den 1980er-Jahren inmitten Innsbrucks ab. Und zwar hauptsächlich in zwei großen Bereichen: Meine unstillbare Neugierde befriedigte ich in allem, was mit  Technik, Computern und Synthesizern zu tun hatte. Und meinen Bewegungsdrang lebte ich auf der Seegrube hoch über der Stadt aus. Am Brett – am Snowboard. Und damit waren ich und meine Kumpanen, die wir in „Moonboots“ und mit einem Burton-„Bügelbrett“ unterm Arm durch die Stadt Richtung (alte) Hungerburgbahn tingelten, zumindest in den Augen der besagten Alten vor allem eins: misstrauisch und leicht spöttisch beäugte Spinner. Sagen wir es netter: Exoten.

Snowboarden?! Wenn Sankt Anton am Arlberg als Wiege des Skilaufs gilt, kann man mit Fug und Recht behaupten: Die Innsbrucker Seegrube war das Mekka des Snowboardens. Und jeder, der mit dabei war, war quasi gleichzeitig Vertreter eines ganz besonderen Lebensgefühls. Man war nicht  nur jemand, der einen Sport ausübte, man war „Boarder“. Die Boarder-Community, die damals entstand, war kein bloßer Zusammenschluss von Jugendlichen, die das gleiche Interesse einte. Es waren viele Vorreiter, Freidenker, die eine Luft atmeten, die direkt aus dem Morgen zu kommen schien. 

Zu jener Zeit ergab es sich, dass ich als aktives Mitglied des Innsbrucker Turnvereins mit einem der älteren Semester ins Gespräch kam. Nennen wir ihn Poldi. Poldi spielte nicht nur jeden Donnerstagabend „Fußballtennis“ mit seiner Altherrenmannschaft, er war auch anderweitig sportiv unterwegs, nämlich als Führungskraft bei einem recht traditionellen und berühmten Skiproduzenten in Tirol. Unser Gespräch wurde eingeleitet durch einen euphorisch verbalen Frontalangriff – im positiven Sinn – meinerseits: Wann würde es endlich, bittebitte, ein Snowboard aus seinem Unternehmen geben? Poldis Antwort traf mich wie der Rückstoß eines Kolbengewehrs – nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen der ihr immanenten Bedeutung, die nicht nur meiner Euphorie eine Abfuhr erteilte, sondern gleichermaßen das Sehen und Wollen einer ganzen Community ins Lächerliche zog.

„Christian, du bist noch jung und hast keine Ahnung vom Sportbusiness. Ihr Snowboarder seid doch nur Freaks. Snowboards sind ein Nischensegment – das richtige Geld wird mit Ski gemacht und wenn überhaupt etwas Zukunft haben wird, dann ist es the next big thing, das wir erfunden haben und das alles in den Schatten stellen wird: Bigfoot!“

Er war überzeugt: „In wenigen Jahren fährt kein Mensch mehr mit dem Snowboard und dann sind auch die ganzen Boardhersteller wieder Geschichte.“

Eine Geschichte wurde es tatsächlich, nur eben mit einem ganz anderen Ende als prognostiziert. Die Snowboardhersteller wuchsen, die Community an Snowboardern wuchs – immens. Und „Bigfoot“? Verabschiedete sich ebenso wie der berühmte Skihersteller mit vielen, aber stetigen Schritten in den Annalen all jener Ideen, die vorbei entwickelt wurden an dem, was die Menschen wollen. Dinge, die aus dem Heute heraus gedacht und entwickelt wurden, ohne dass sie jemals aus einer anderen Perspektive betrachtet worden wären: Aus dem Morgen.

Der Horizont vieler Menschen ist wie ein Kreis mit dem Radius Null.
Und das nennen sie dann ihren Standpunkt.

Albert Einstein

Die 5 Lehren der Poldi-Begegnung:

  1. Wer sich zufrieden gibt, gibt auf.
    Nur weil man als Unternehmen etwas hat, das heute funktioniert, ist man damit nicht automatisch zukunftsfähig. Überheblichkeit aufgrund einer bestehenden Marktpositionierung geht in dem Fall einher mit der Unterschätzung bzw. dem Ignorieren einer neuen Marktpositionierung. Wäre es tatsächlich nur um das Snowboard an sich gegangen, hätte Poldi vielleicht recht behalten und ein Winter-Sportgerät hätte das andere abgelöst. Womit wir zu Punkt 2 kommen.
  2. Wer nicht ernst nimmt, wird nicht ernst genommen.
    Unterschätze nie die Begeisterungsfähigkeit von (jungen) Menschen für eine Sache, eine Idee, negiere nie Tendenzen, die sich abzeichnen, vor allem dann nicht, wenn sich Communitys bilden. Nimm Wünsche von heute ernst, denn sie könnten dein Geschäftsmodell von morgen sein.
  3. Wer das Heute negiert, wird nicht ins Morgen gelangen.
    Fehlender Weitblick und die persönliche Meinung eines Managers können trotz bester Absichten ein ganzes Unternehmen in den Abgrund stürzen. Wäre Poldi gegenüber den „Freaks“ soweit aufgeschlossen gewesen, dass er ihnen zugehört hätte, könnte der traditionsreiche Skihersteller heute womöglich auch die weltbesten Snowboards am Standort Tirol produzieren.
  4. Wer sich beschränkt, ist beschränkt.
    Zügellosigkeit mag in mancherlei Hinsicht dem Befinden, der Gesundheit, der Umwelt und vielem anderen abträglich sein. Doch dem Denken sollte sie immanent sein. Wenn wir unseren Gedanken Zügeln geben, können sie nicht ungehindert vorpreschen.
  5. Wer nicht wenigstens ein bisschen verrückt ist, verrückt nichts.
    Die Ideen von heute sind das „Kapital“ von morgen. Jede neue Idee wird zunächst absurd erscheinen. Würde sie das nicht tun, wäre es nämlich auch keine neue Idee, sondern einfach nur die Weiterentwicklung von etwas, das bereits besteht, es wäre eine Nivea-Creme in einer lila Dose.

Text: Christian Fohrmann Alpinmarketing + Sonja Niederbrunner Storylines
Foto: Daria Shevtsova von Pexels

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